Lilia van Luzien


Im März 2017 erschienen

 

Thalia               Amazon


Leseprobe aus Elbenfürstin, Band 1

Kapitel 1


„Ich habe ja die Margarine vergessen!“ Darf eine Geschichte wirklich so banal beginnen? Wenn sie die reine Wahrheit erzählen soll, gibt es keine Gnade. Nochmals in die winterliche Eiseskälte hinaus zu müssen war Strafe für Schusseligkeit genug. Da drängte es sich mir geradezu auf, als kleine Belohnung einen Abstecher in Joschs Antiquariat dranzuhängen. Vielleicht wartete dort eine frische Ladung gebrauchter Bestseller, die für kleines Geld meinen ständigen Hunger nach gedruckten Schwarten stillen würden.

 

Der Laden lag in einer kleinen Seitenstraße, wo die Mieten günstig und Kunden rar waren. Josch glänzte, wie so oft, durch Abwesenheit, weshalb neben der abgeschlossenen Kasse eine Blechbüchse stand. Zu meiner großen Enttäuschung standen keine neuen Stöberkisten auf dem Boden. Das Suchen in den bis unter die Decke vollgestopften Regalen hatte ich längst aufgegeben. Josch behauptete zwar, die Bücher seien logisch einsortiert, aber er vertrat auch sonst sehr spezielle Ansichten. Doch in diesem Moment vor die Wahl gestellt, entweder den Rückweg durch den frostigen Berliner Winter anzutreten oder im Warmen die Regale zu durchstöbern, fiel meine Entscheidung schnell. Entschlossen pfefferte ich meine Vermummung aus Mütze, Handschuhen, Schal und Daunenjacke auf die speckig braune Ledercouch. Langsam suchend drehte ich mich um die eigene Achse, seufzte resigniert und ließ mich erst einmal auf die Couch plumpsen. Mein Blick folgte den Bücherreihen an der gegenüber liegenden Wand nach oben. Unter der vergilbten Altbaudecke flatterten dunkelgraue Spinnweben in der aufsteigenden Wärme. „Was für Bücher stehen dort oben eigentlich? Da gelangt doch niemand je hin!“

Plötzlich erschien das Bild einer alten Bibliothek mit reich verzierten, glänzenden Holzregalen vor meinen Augen. Schmale Holzleitern rollten auf unsichtbaren Schienen leise an den Regalen entlang. „Okay, hier und jetzt wenig hilfreich.“ Aber eine Leiter musste Josch dennoch irgendwo haben.

Sie stand, bekleckert mit diversen Farben, hinter dem Wandstück, das wohl irgendwann einmal von einem abgeteilten Hinterzimmer übrig geblieben war. Die Aluleiter wog zwar nicht sonderlich viel, hatte dafür aber die Größe XXL. Die unrühmliche Stelle, an der ich beinahe mit dem Hinterteil des Monstrums in ein Regal gekracht wäre, lasse ich hier lieber weg. Und natürlich wackelte die ausgeklappte Leiter auf den ausgetretenen Holzdielen, als ich vorsichtig mit dem Aufstieg begann. Argwöhnisch nahm ich zuerst mal die Spinnweben aus der Nähe unter die Lupe. Kein vielbeiniges Ekelpaket in Sicht. Dafür drehten mir uralte, muffig riechende Schinken ihre Rücken zu. Teils völlig zerfleddert, ließen sich ihre Titel kaum noch entziffern. Das reichte. Meine Vorliebe für Bücher beschränkte sich ganz klar auf solche Exemplare, deren vorheriger Gebrauch kaum auffiel.

Der Abstieg aus stickiger Höhe gestaltete sich jedoch spektakulärer als vorgesehen. Völlig darauf konzentriert, nach unten zu schauen und vor allem keine Schwingungen zu erzeugen, verhakte sich mein Ärmel. Der unerwartete Widerstand brachte erst mich, dann die Leiter und wir gemeinsam das spillerige Bücherregal ins Wanken. Wo hätte ich mich auch sonst reflexartig festklammern sollen? Luft schnappen und Holzknarren wurden jäh von einem dumpfen Donnerschlag übertönt. Totenstille, ich wagte kaum mehr zu atmen. Immerhin keine Bücherlawine. Ächzend entwich die Luft aus meiner Lunge.

Nach einer gefühlten Ewigkeit schaute ich vorsichtig erst nach oben, wo nun in der obersten Regalreihe ein Loch klaffte. Dann hinunter auf den Dielenboden. Mein Blick haftete sofort an dem einen übergroßen Buch, das meine Odyssee unfreiwillig rabiat zutage befördert hatte. Die logische Frage, wieso aus einer vollgestopften Bücherreihe ein einzelnes Buch herausfallen konnte, kam mir nicht in den Sinn. Mit zittrigen Beinen gelang der Rückzug ohne weitere Zwischenfälle.

Ich ließ die Leiter einfach stehen und ging vor dem Buch in die Hocke. Merkwürdigerweise lag es keinesfalls wie nach einem, wahrscheinlich falsch geschätzten, vier Meter tiefen Sturz da. Vielmehr exakt so, als sei es vorsichtig abgelegt worden. Aber dieser Gedanke flatterte, weitestgehend ignoriert, in meinem Kopf davon. Denn das, was meine Augen sahen, beanspruchte vollste Aufmerksamkeit. Auf dem safranfarbenen Ledereinband lockte eine wunderschöne, zierlich geschwungene Schrift. Ganz offensichtlich in einer mir unbekannten Sprache verfasst, setzte ich mich dennoch neugierig mit dem Buch auf die Couch. Behutsam öffnete ich den Buchdeckel und blickte mit kindlicher Naschhaftigkeit auf exotisch anmutende Buchstaben, die mir ihre Geheimnisse ohnehin niemals verraten würden. Solch eine Schrift hatte ich nie zuvor gesehen und ihre Farbe schillerte, als ob sie in einem Regenbogen geschrieben wäre.

Kurzum, ich wickelte das Buch mangels Tüten in alte Zeitungen und zog mich an. Aber ich konnte Josch unmöglich bloß ein bisschen Kleingeld für dieses Prachtexemplar in die Dose stopfen. Vielleicht sollte ich eine Nachricht hinterlassen. „Auf der bitte was stehen soll? Habe ein Buch mitgenommen, Autor, Titel, Alter und Herkunft unbekannt?“, lästerte mein Alter Ego genüsslich. Nein, ich würde das Buch ganz einfach bei meinem nächsten Einkauf zurückbringen.

Zufrieden verschwand meine unsichtbare Zuschauerin, als sich die Ladentür bimmelnd hinter mir schloss. Der ausgelegte Köder war geschluckt.

 

Lange Zeit später fand ich im schottischen Kloster St. Ninian ein dickes Notizbuch mit dem Titel „Inghean“. Darin befanden sich Aufzeichnungen der Elbe Elin. Sie brachten hartes Licht in manche noch dunklen Ecken dieser Geschichte.

 

Aus dem Buch „Inghean“

 

Wieviele Jahrhunderte sind nutzlos verronnen, seit ich mich zum letzten Mal einem Menschen zeigte? Mir fehlt die Erinnerung. Graue Tage und schwarze Nächte vergingen, zu endloser Untätigkeit verdammt. Meine Seele schmachtet nach Rache an dem Einen. Nun jedoch wurde das Menschenkind erwählt. Warum nur? Warum verschmäht die Fürstin unsere willigen Elbenseelen? Dienerin und Lehrerin zugleich werde ich jetzt sein, um den Kelch für die Ankunft der Fürstin zu formen. Das Licht stehe mir bei!

 

Das zauberhafte Buch lag auf dem Esstisch, während ich ungeduldig den sich träge erhitzenden Wasserkessel abwartete. Hier unter dem Küchenfenster fiel noch genügend trübgraues Winterlicht ein, um auf die Deckenlampe verzichten zu können. „Was hat dieses Buch nur an sich?“ Antiquitäten entzogen sich schon immer meinem Interesse. „Geheimnisvoll.“ Mir kam eine Idee und ich flitzte los zum Bücherregal im Wohnzimmer. Vielleicht fand sich im alten Lexikon eine Seite über Schriften.

Noch bevor ich den entsprechenden Band Sai - Suc aufschlagen konnte, pfiff mich der Wasserkessel zurück. Der Tee musste erst ziehen, also drehte ich mich wieder um. Das mitgebrachte Buch leuchtete! Das Lexikon geriet in Vergessenheit. Ein schmaler Lichtstrahl fiel auf die Schrift. Mein irres Glotzen dauerte exakt 2 Minuten und 40 Sekunden, bis das schrille Piepen der Teeuhr gnädig die entglittenen Gesichtszüge in Bewegung brachte.

Vielleicht wäre der Anfang für mich leichter geraten, wäre mein Blick diesem ersten Lichtstrahl nach draußen gefolgt. Nämlich in Erwartung einer Wolkenlücke, die der tief stehenden Wintersonne eine freundliche Chance gab. Denn da draußen gab es keine Lücke, keinen Sonnenstrahl, nur Einheitsgrau. Andererseits wäre der Anfang garantiert erheblich schlimmer missraten, hätte ich meine unsichtbare Untermieterin aus Joschs Laden zurückkehren sehen. Nachdem Elin jede einzelne Nacht meines bisherigen Lebens bewacht hatte, startete mit dem heutigen Tag ihr Fulltimejob bei mir.

 

Was war zuerst da, das Summen in meinem Kopf oder das mich umhüllende Licht, als ich auf dem Küchenstuhl saß und mich über das Buch beugte? Keine Ahnung, die ersten Stunden und Tage wirken im Rückblick wie das Ergebnis eines übergeschnappten Schleudergangs in sämtlichen Gehirnwindungen.

Erfolglos drückte ich jetzt die Zeigefinger in beide Ohren. Aus der Wohnung stammte das Summen jedenfalls nicht.

„Es ist in deinem Kopf.“

„Einfach ignorieren und endlich das wundersame Werk bestaunen.“

Entschlossen richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den Einband. Das Summen nahm zu. „Nein, kein Summen“, überlegte ich, „zumindest nicht wie ein Bienenschwarm“. Es klang eher wie ein von Windböen herbeigetragenes Auf und Ab singender Frauenstimmen. Wahrscheinlich die Begleitmusik zu irgendeinem Spielfilm, die mein Gedächtnis aus welchem Grund auch immer gerade jetzt abspulte.

„Es ist real.“

„Quatsch.“

Vorsichtig klappte ich den Buchdeckel auf. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen, als wollten sie sich für mich neu ordnen. Ich blinzelte. Und las. Und lauschte.

 

„Seltsamer Traum.“ Aber warum lag ich nicht in meinem Bett und wo war ich überhaupt? Bleierne Müdigkeit blockierte vernünftige Informationen aus dem Gehirn. Die Augen ließen sich auch nur widerspenstig öffnen. „Aha.“ Der schräge Blickwinkel offenbarte, dass ich mit Kopf und Armen auf dem Küchentisch lag, folglich über dem Buch eingeschlafen sein musste. So etwas passierte mir sonst nie. „Und dieser Traum über Licht und Finsternis und ihren Kampf gegeneinander seit Anbeginn der Welt. Purer Fantasy-Stoff, darüber ließe sich glatt ein ganzes Bu…“ Ich erstarrte mitsamt meinem Gedankengang und weigerte mich, das Szenario in der Küche zur Kenntnis zu nehmen. Unmöglich, dies musste immer noch ein Traum sein. Draußen herrschte tiefe Nacht, hier drinnen brannte keine Lampe, aber um mich herum war Licht. „Der Mond, natürlich!“ Erleichtert über die simple Erklärung suchte ich den Nachthimmel ab. Kein Mond. „Ich träume, ganz einfach. Und wenn nicht? Dann drehe ich jetzt ein klein wenig durch.“

„Es ist wahr.“

Hatte ich das gedacht?

„Nein.“

„Aufwachen!“

„Du bist erwacht.“

Panik und Angst lieferten sich in Atem raubendem Tempo ein Kopf-an-Kopf-Rennen, brachten den Küchenstuhl zu Fall, ließen erst meine linke Schulter rücksichtslos gegen den Türrahmen krachen, wenige Schritte später das linke Schienbein gegen die Bettkante. Mit kindlicher Naivität sprang ich ins Bett und riss mir die Bettdecke bis über den Kopf. Dann flossen die Tränen. Erst zaghaft, bis schließlich verzweifeltes Schluchzen meinen ganzen Körper schüttelte.

Irgendwann war alles Elend dieser Welt, insbesondere das meinige, hinaus gespült und ich schlief ein. Den Strahl weißen Lichts, gekommen, um über mich zu wachen, verpasste ich.

 

Dröhnende Kopfschmerzen begrüßten mich am sehr späten Vormittag. „Welcher Tag ist heute?“ Wochentage, Geburtstage, Telefonnummern oder Adressen? Komplett unterhalb meiner Aufmerksamkeitsschwelle angesiedelt. Tatsächlich gehörte ich zu jenen bemitleidenswerten Kandidaten, die ihre Geheimzahlen in der Geldbörse aufbewahren mussten.

Übellaunig kletterte ich aus dem Bett, um gewohnheitsgemäß erst Tee zu kochen. Danach schlurfte ich ins Bad. Mein Spiegelbild präsentierte dick verquollene Augen. Eine saftige Ohrfeige hätte mein Erinnerungsvermögen kaum effektiver wachrütteln können. „Ganz ruhig, tief durchatmen. Ich bin keineswegs verrückt, sondern eine ganz normale Durchschnittsfrau im Durchschnittsalter mit Durchschnittsgewicht, die vorzugsweise Jeans, Baumwollpullover und bequeme Schuhe trägt.“ „Lenk jetzt nicht vom Thema ab“, protestierte mein Alter Ego. Ratlosigkeit schwappte heran. Diese träge, anspruchslose Empfindung vermittelte mir aus welchem Grund auch immer das sichere Gefühl, mit den nackten Füßen fest auf den kalten Fliesen zu stehen. Und wie lange, verdammt noch mal, wollte ich das Summen in meinem Kopf ignorieren?

„Was nun eigentlich, Summen oder Singen?“ Vorsichtig hörte ich genauer hin. Sphärisch schön, oh, aber unterirdisch schwer zu beschreiben. Das mag dieser klägliche Versuch verdeutlichen: Wie Polarleuchten über dem samtroten Sonnenuntergang der Karibik, begleitet von Kaskaden silbriger Sternschnuppen. Eine sanfte, vielschichtige, wärmende Harmonie, zugleich traurige, sehnsüchtige Frauenstimmen. Eindeutig nicht von dieser Welt. „Höre ich Worte?“ Ganz gewiss erst in dem Moment, da sich die Frage in meinem Kopf formulierte.

„Lilia, fürchte dich nicht.“

„Häh? Wieso Lilia? Wer bitte schön ist Lilia?“ Also doch Stoff aus irgendeinem Spielfilm. Obwohl „fürchte dich nicht“ mehr nach einem Psalm klang. Ja, im Analysieren war ich schon immer unschlagbar.

„Du bist Lilia, Lilia Joerdis van Luzien.“

„Nein, nein und nochmals nein!“, motzte ich mein Spiegelbild an. „Und ganz sicher werde ich niemals, ich betone, niemals wahnsinnig. Keine Fälle in der ausgestorbenen Familie bekannt. Basta!“

Die Wirkung meines Wutausbruchs glich einem zerschnittenen Band. „Gut so, Ruhe im Karton, Thema erledigt.“ Ganz bewusst richtete ich meine volle Aufmerksamkeit auf stupides Zähneputzen, Waschen und Anziehen.

 

Energisch betrat ich die Küche und klappte das Buch so zu, dass die Rückseite oben zu liegen kam. Schwacher Widerwille regte sich dagegen, weshalb ich genervt die aufgefüllte Teetasse ergriff und schleunigst ins Wohnzimmer verschwand. Plan A musste her, kurz und schmerzlos. „Also: Den Kopf bei einem Spaziergang zu Joschs Antiquariat gründlich durchpusten lassen, das Buch zurückgeben. Fertig.“ Samstags schloss Josch meist gegen 16 Uhr ab, mithin war noch reichlich Zeit. „Heute ist doch Samstag, oder?“ Ich ging in die Küche, um die Tasse aufzufüllen, und warf dabei einen Blick auf den Wandkalender. „Sonntag. Dann eben bloß der Spaziergang“, seufzte ich leise. Ein leichtes Unbehagen im Gefühlszentrum namens Bauch begann sich hartnäckig festzusetzen.

 

Frostige Kälte schlug mir ins Gesicht. Ziellos ließ ich mich durch die nahen Straßen treiben – und stand höchstens fünfzehn Minuten später wieder vor meiner Wohnungstür. Schlecht. „Ach was, mit mehr Tee, Frühstück und gutem Willen lässt sich jedes Problem lösen.“ Nüchtern betrachtet schmorte ich zu sehr im eigenen Saft und das hatte offensichtlich meine Nerven überreizt. Als ein von Natur aus eher ängstlicher, introvertierter Typ zeigte ich wenig Vorliebe für zwischenmenschliche Kontakte. Stundenlange Spaziergänge durch einsame Wälder oder entlang möglichst menschenleerer Küsten, klassische Musik und dicke Schmöker, sie entsprachen in meinen Augen grenzenlosem Freizeitglück. „Könntest du endlich mal zum Thema kommen?“, verlangte mein Alter Ego. „Das Buch?“ „Richtig.“ „Der Gesang?“ „Korrekt.“ „Das Licht?“ „Und so. Also tritt dich mal in deinen nicht mehr ganz so hübschen Hintern“, zeterte die Meckerecke vom Dienst.

Ungebeten bekam ich sphärische Unterstützung.

„Lilia, bitte hilf uns. Lies das Buch.“

Hatte ich doch schon, zumindest einen kleinen Teil davon. „Oder?“ Seltsamerweise wollte sich keine greifbare Erinnerung an den gelesenen Abschnitt einstellen. Mehr ein Gefühl von Bedrohung, Kampf und Verlust.

Mit jeder verstreichenden Minute schwoll der Sog des Buches an. Er war um ein Vielfaches stärker als jeder nervenaufreibende Thriller, bei dem man mitten im Showdown gezwungen wurde, ihn aus der Hand zu legen. Folgerichtig schaltete ich mechanisch die Esstischlampe ein und setzte mich abermals an den Küchentisch.

Auf seiner safranfarbenen Vorderseite starrten mich erneut Hieroglyphen an. Zugegeben, augenblicklich breitete sich Enttäuschung in mir aus. Hartnäckig starrte ich zurück. Sie begannen ihren flirrenden Tanz. „Das Licht kann ohne Schatten nicht sein“ erschien vor meinen Augen. Enttäuschend unspektakulär, der Buchtitel, regelrecht banal. „Obwohl, eine alte, häufig benutzte Redewendung lautet doch: Wo Licht ist, da ist auch Schatten.“ Grübelnd griff ich nach meiner Tasse. „Wie geht noch gleich der andere Spruch?“, murmelte ich leise. „Gut und Böse liegen oft eng beieinander?“

„Lies das Buch, du wirst Antworten finden“, schmeichelten die Stimmen.

Allerdings war ich mir gar keiner gestellten Frage bewusst. Stattdessen stiftete ihr heikles Gequatsche meinen Dickschädel um Haaresbreite dazu an, ihr Buch aus dem Fenster zu pfeffern. Das schimpft sich geistige Selbstverteidigung.

 

„Das Licht kann ohne Schatten nicht sein“, Teil I:

 

Zu Anbeginn der Zeit gebar das Universum Zwillinge, das Licht und die Finsternis. Obwohl grundverschieden, verstanden die beiden einander gut. Doch als sie älter wurden, beanspruchte ein Jedes immer mehr Raum für sich. Sie drängelten und suchten, noch freundschaftlich, bis sie in die hintersten Winkel des Universums vorgedrungen waren. Derart mächtig und groß geworden, breitete sich nun Langeweile bei ihnen aus. Bald schon nahmen die Zwillinge getrennte Wege. Während das Licht mit den Sternen spielte, brütete die Finsternis übellaunig vor sich hin.

Ein Stern hatte es dem Licht besonders angetan, dort lebten Wesen in vielerlei Arten. Gerne wollte es diesen einen Stern für sich allein besitzen. So verdrängte es heimlich die Schatten der Finsternis von dort. Grausam waren die Folgen! Das Wasser verdampfte, die Luft glühte, die Wesen litten schlimme Qualen und viele starben. Das Licht wich voller Entsetzen, Trauer und Scham zurück.

Der Finsternis war das heimliche Treiben beileibe nicht entgangen und das grausige Ergebnis verschaffte ihr große Genugtuung. Mit Macht breitete sie sich nun allein über den Stern aus.

Aber genau wie das Licht musste die Finsternis erfahren, dass der Stern unter ihrer Allmacht starb. Sie beobachtete das elendige Siechen mit unverhohlener Neugier. Endlich flehte ihr Lichtzwilling, dem Leid gemeinsam ein Ende zu bereiten. Die Finsternis gab nach.

Nun aber herrschte Misstrauen zwischen den Zwillingen, weshalb die Finsternis den kalten Mond um ewige Wacht bat. Das Licht hingegen wählte die wärmende Sonne mit ihren goldenen Strahlen.

Zwar gab sich die Finsternis fortan versöhnlich, schmiedete jedoch insgeheim Pläne. Es dürstete sie nach Vergeltung. Der Menschenseelen auf dem Stern wollte sich die Finsternis bemächtigen, jener einzigen Wesen, die ihr mit großer Furcht begegneten.

Obwohl das Licht dieses schreckliche Geheimnis gewahrte, zögerte es lange. Hatten doch die menschlichen Geschöpfe zuerst das Licht fürchten gelernt. Grausam wurden die Menschen in den brutalen Bann der Finsternis gezogen. Sie hetzten sich gegeneinander auf und führten Kriege. Denn Neid und Missgunst, Hass und Selbstsucht, Wut und Mordgelüste vergifteten ihre Herzen.

Da das Licht aus falscher Scham nichts dagegen unternahm, sprachen andere Sterne bekümmert zu ihm: „Wir wollen dir Sternelben geben, sie sollen die Menschen mit neuer Hoffnung und Freude erfüllen.“

 

„Bloß ein Märchen, unzählige Male in hundert verschiedenen Varianten erzählt. Was für eine Enttäuschung.“ Ich gähnte herzhaft.

„Lilia, das ist kein Märchen.“

„Na ja, Gut und Böse existieren natürlich wirklich. Und weil sich Menschen nun mal vor der Dunkelheit fürchten, verkörpert sie immer das Böse, logisch.“

„Sekunde mal“, stutzte ich. „Kleine Denkpause einlegen. Also dieser Chor in meinem Kopf, soll ich mich mit dem ernsthaft unterhalten? Ich könnte versuchen ihn auszutricksen, quasi den OFF-Knopf suchen.“ So wie ich manchmal gerne eine Fernbedienung für die nervende Dudelei in diversen Geschäften hätte. Oder sollte ich vielleicht mal im Lexikon unter dem Stichwort „Schizophrenie“ nachlesen? „Übertreib nicht.“ Dann also die hohe Schule der Konversation? Umgehend brach ein kämpferischer Schlagabtausch zwischen Kopf und Bauch los, den mein Hirn knapp für sich entschied. Tiefem Luft holen folgte ein trotzig gedachtes „Hallo“.

„Wir grüßen dich, Lilia.“

Unsortiert sprudelte ich los: „Warum nennt ihr mich Lilia und wer seid ihr und was wollt ihr in meinem Kopf und was hat es überhaupt mit dem Buch auf sich und das Licht habe ich das geträumt und – okay, so wohl eher nicht. Tschuldigung.“

„Keine Ursache.“

Aber anstatt noch einmal in Ruhe von vorne zu beginnen, führte die nervöse Zappeligkeit meines Denkorgans zu der restlos durchgeknallten Frage: „Könntet ihr etwas für mich tun?“

„Was immer du möchtest.“

„Schön, reich, gesund und berühmt sein! Nein, das Berühmtsein wieder streichen“, platzte es einfach dümmlich aus mir heraus. Purer, entlarvender Egoismus. Kein Weltfriede? Ende der Hungersnöte? Glück für jedermann auf Erden? Gedacht war gedacht, außerdem musste die ganze Geschichte möglichst schnell für mich überprüfbar sein. Schließlich pendelte mein Verstand ultimativ zwischen Klapse und Delirium. Diese ziemlich dürftige Rechtfertigung versetzte meinem Selbstwertgefühl einen deutlichen Knacks. Auf jeden Fall aber müsste sich schnellstens, wie ich hoffte, die Stunde der Wahrheit nähern. Nämlich der große Showdown mit dem Off-Knopf. Himmel, war ich damals naiv!

 

Montag, 7 Uhr. Dachte ich. Gähnend schleifte ich mich durch das morgenmuffelige Pflichtprogramm von der Küche ins Bad. Gut für die Nachbarn, dass der gellende Schrei von meiner eigenen Kehle erwürgt wurde. Auslöser: mein Spiegelbild – oder wessen? Zu Tode erschreckt wagte ich dennoch einen Blick hinter mich. Da stand niemand. Immerhin, ich fiel nicht in Ohnmacht. Was hätte das auch genützt? Aber mein Gehirn ratterte los wie ein PC beim Virencheck. „Schlafe ich? Träume ich? Spinne ich?“

„Guten Morgen, Lilia.“

„Bin, bin ich das?"

„Gefällt es dir?“

„Oh, äh, na ja, also...“ Stammeln, mal ganz was Neues.

„Wir haben dir sämtliche Wünsche erfüllt.“

Dann wussten sie mehr über mich als ich selbst. Zeit für eine Bestandsaufnahme. „Na los, guck hin, ist doch sowieso nur ein Traum.“ Tiefblaue Augen, in denen sich eine Kakophonie widersprüchlicher Empfindungen spiegelte, blickten mir aus einem jungen, irgendwie zeitlosen Gesicht entgegen. Das engelhafte Mädel mochte höchstens 20 Jahre alt sein. Goldenes, gelocktes Haar fiel über schmale Schultern. Und da hatte ich geglaubt, ein Look à la Barbie wäre out. „Was, bitteschön, spricht denn gegen meine haselnussbraunen Haare?“ Trotzdem zog ich meinen Pyjama aus und schaute erwartungsvoll an mir hinunter. Um es klar zu betonen, in Erwartung meines eigenen Körpers. Will sagen, nicht mehr ganz straff, ein wenig Hüftgold, mit Muttermalen, Narben und sonstigen Spuren auf der Haut, die das echte Leben mit sich brachte. Stattdessen: Makellose, samtweiche Haut, eine traumhafte Taille, und … genug, Neid zu provozieren lag mir schon immer fern. Da huschte ein klitzekleiner, abscheulicher Gedanke heran. „Im Märchen hätte der Spiegel jetzt doch sagen müssen: Du bist die Schönste im ganzen Land.“ Augenblicklich stieg mir Schamesröte ins Gesicht. „Dies ist kein Märchen und du tätest gut daran, wieder kalte Fliesen unter deine süßen Füßchen zu bekommen“, appellierte ich streng an meine Moral. „Süße Füßchen? Geht’s noch?“, echote mein Alter Ego.

 

Die nüchterne Realität holte mich eine Minute später wieder ein, nur völlig anders als gedacht. Slip, T-Shirt, Hose, Pullover, alles schlabberte und rutschte an „mir“ herum. Die erste Tasse extra starker Tee war eindeutig überfällig.

 

Tränen tropften in die Teetasse, während zu viele Gedanken und unzählige Fragen durch meinen Kopf schossen. „Das ergibt alles keinen Sinn. Wie da wieder rauskommen? Alltag, geh einfach zum Alltag über. Konzentriere dich auf diejenigen Dinge, die normalerweise montags um 7.30 Uhr anstehen.“

„Lilia, heute ist Samstag.“

„Nein!“, bockte ich. Heute musste ganz eindeutig Montag sein.

„Du hast lange geschlafen.“

„Ich gehe jetzt zum Bäcker, wie immer montags.“

Drückte dieser Summsingsang etwa Stimmungen oder Gefühle aus? „Später – wenn überhaupt. Ab zum Bäcker, nein, erst einen passenden Gürtel für die Hose finden.“ Angesichts des plötzlichen Bekleidungsnotstands, aber vor allem, weil ich fest auf einen reinigenden Kälteschock für meinen Gedankenkorks setzte, zeigte ich ausnahmsweise Dankbarkeit für den frostigen Wintertag. Vermummung als bekleidungstechnische Notwehr, sozusagen.

 

Aus dem Buch „Inghean“

 

Meine Sternschwestern gaben dem Menschenkind wahrhaftig das Antlitz unserer Fürstin. Welch peinigender Schmerz.

 

Die Verkäuferin lächelte mich an. „Guten Morgen. Was darf es Schönes für Sie sein?“

Kaum zu glauben! Dieselbe olle, mürrische Verkäuferin, die niemals meinen Gruß erwiderte, nie die Zähne so weit auseinander bekam, um nach den Kundenwünschen zu fragen, und schon gar niemals ein „Tschüs“ über ihre harten Lippen brachte? Die konnte lächeln und sprechen? Im Augenwinkel registrierte ich den beunruhigenden Umstand, dass alle Leute in der Bäckerei mich lächelnd anschauten. „Oh nein, schneller Selbstcheck. Schlafanzug noch an? Nein. Puschen? Auch nicht. Zahncreme oder Seifenreste im Gesicht? Alles o.k. Meine Haare nicht gekämmt? Unsinn, wir sind hier in Berlin.“

Die Verkäuferin lächelte mich noch immer erwartungsvoll an.

„Reiß dich zusammen.“ Ich schluckte schwer, kratzte den letzten Krümel an Fassung zusammen. „Ein, nein, zwei Schoko-Croissants“, echte Nervennahrung musste her, „und zwei Sonnenblumenbrötchen, bitte“.

Selten hatte ich solchen Drang, um aus dem Laden zu stürmen und noch auf dem Gehweg das erste Croissant in mich hineinzustopfen.

 

Damit begann die Turbolektion, wie mittels elbischer Magie aus einer unauffälligen Raupenfrau in Nullkommanix ein neues Wesen hervorschlüpfte. Es rührte die Herzen der Menschen und weckte ihr Urvertrauen. Schwarze Seelen ausgenommen, versteht sich.

 

Die Redewendung „zittern wie Espenlaub“ passte perfekt, galt nur leider keineswegs dem Frost. Inzwischen saß ich am Küchentisch und beträufelte das zweite Croissant mit Salztropfen. „Alltägliches tun, erinnere dich an deinen Vorsatz. Mach weiter. Reiß dich zusammen.“ „Das krönende Motto des Tages?“, spottete mein Alter Ego dazwischen. „Du gehst jetzt ins Einkaufcenter und kaufst passende Klamotten.“ „In welchen Größen?“, lästerte es genüsslich. Besser hätte ich mir von den Stimmen zuallererst eine gehörige Portion mehr Mut gewünscht. Zu spät, ab sofort zahlte ich Lehrgeld.

 

Volle drei Runden stapfte ich gesenkten Hauptes um den ausladenden Gebäudekomplex herum, in dem sich das Einkaufscenter befand. Zuletzt fühlte ich mich wie eine tiefgekühlte Flunder an. „Schluss damit, bring die Sache hinter dich.“ Durch die Drehtür begleitete mich die panische Vorstellung, als Schlafwandlerin mitten im Shoppingrummel aufzuwachen.

 

Kein Traum konnte so lange andauern, da war ich mir völlig, beinahe, ungefähr sicher. Umgezogen in Größe 34 Outfit hockte ich auf der Couch. Da kam ich auf die alberne Idee, sicherheitshalber in meinen Arm zu kneifen. „Tut weh. Gut.“ „Noch mehr solcher, oder eher besserer Ideen auf Lager?“, fragte das Alter Ego süffisant. Der Alltagstest hatte sich jedenfalls als grandioser Flopp erwiesen. „Aber das Summen ist fort!“ Wenn ich es recht bedachte, schon seit geraumer Zeit. „Besser.“ „Sicher? Da wären noch etliche Fragen offen.“ „Oh nein, bitte nicht.“ „Komm schon, gib zu, dass du ein klitzekleines bisschen neugierig bist.“ „Wie wäre es stattdessen mit etwas geistlos Praktischem, beispielsweise samstäglichem Putzen, Bügeln, Staubsaugen?“ „Du kneifst!“ „Und du nervst!“

Der interne Zoff endete mit dem Kompromiss, weiter in dem magischen Buch zu lesen. Es spukte ohnehin pausenlos im meinem Hinterkopf herum. Und angeblich war ja schon wieder Wochenende!

So einfach ging ich dem Zauber dieser märchenhaften Geschichte auf den Leim. Die Sternelben wussten ganz genau: Mindestens meine halbe Welt, und zwar die wichtigere Hälfte, bestand von Kindesbeinen an aus Fantasie.

 

„Das Licht kann ohne Schatten nicht sein“, Teil II:

 

Die Sternelben trugen das Licht zurück in viele Menschenseelen. So gewahrten die Erdbewohner den Unterschied zwischen Gut und Böse. Doch manche Seele blieb schwarz, manche beherbergte sowohl Licht als auch Schatten, andere wiederum waren von reinem Leuchten erfüllt. Den Sternelben aber gefiel es unter Menschen, Tieren und Pflanzen. Besonders die Blumen hatten es ihnen angetan. So verweilten etliche auf der Erde.

Zwischen den Zwillingen herrschte abermals das alte Gleichgewicht. Indes, die Finsternis gab keinen Frieden, sie missbilligte die Sternelben, fühlte sich, obwohl zu Unrecht, neuerlich hintergangen. Da flüsterte ihr der Mond zu, er könne Geschöpfe nach ihrem Geschmack erschaffen und unter die Menschen geleiten.

Bald schon krochen nachts üble Schattenwesen umher. Die meisten Menschen flohen voller Entsetzen vor ihnen und nannten sie fortan Dämonen. Die grausamen Geschöpfe der Nacht lechzten auch nach den Sternelben, konnten jedoch im Licht der Sonne nicht bestehen. Nacht für Nacht flüchteten die Sternelben vor den Dämonen in die hell erleuchteten Häuser guter Menschen. Und bedankten sich mit vielerlei Diensten für den sicheren Unterschlupf.

Die Finsternis grollte über das Versagen ihrer Diener und brütete einen neuen Plan aus. Dann befahl sie dem Dämonfürsten, das elbische Sternsilber zu stehlen. So kam es zum Krieg zwischen Sternelben und Dämonen. Mit magischen Blitzen und Feuern bekämpften sie einander im Zwielicht jahrelang. Unzählige kamen um, bevor der listige Diebstahl des machtvollen Elbenschatzes gelang. Ohne das Sternsilber jedoch waren die letzten Sternelben für alle Zeit an die Erde gebunden.

Auch bei den Menschen zeigte der Krieg schlimme Folgen. Viele erblindeten von den Blitzen oder verloren Hab und Gut durch die Feuer. So erkannten sie die unirdische Macht der Sternelben und fürchteten auch sie. Darüber herrschte große Trauer unter den Sternengeschöpfen. Schließlich verhüllten sie sich als unsichtbare Lichtgestalten. Seither wachen sie im Verborgenen über die Erde.

 

Ohne groß nachzudenken formulierte sich eine Frage in meinem Kopf. „Muss es nicht Dämonen und Engel heißen?“

„Du sprichst wahr, so wurden die Elben später von den Menschen genannt. Weißt du um das Wirken der Mönche in früher Zeit?“

„Ja, die Schriftkundigen unter ihnen stellten Kopien her, so blieb das Wissen über die Jahrhunderte erhalten.“

„Richtig. Doch nach den großen Kriegen existierte nur mehr eine einzige alte Abschrift über die Geschichte der Elben. Als in späterer Zeit davon eine Übersetzung angefertigt werden sollte, entzifferte der Mönch äußerst mühsam die kaum mehr lesbaren Schriftzeichen. Aus Elben machte er Engel und noch manch anderen Fehler. Bald darauf zerfiel die alte Schriftrolle zu Staub.“

„Tja, wenn banale kleine Dinge die Welt verändern. Und die Flügel?“

„Was meinst du, Lilia?“

„Hatten die Engel-Elben wirklich Flügel?“

„Nein, sie haben keine.“

Richtig, hätte ich an dieser Stelle ordentlich hingehört, dann wäre postwendend die Frage fällig gewesen: Wieso haben?

 

Von Natur aus mit genügend Intelligenz und einigem Geschick ausgestattet, nützten mir diese Fähigkeiten im Alltagsgeschäft herzlich wenig. Insbesondere beim Kontakt mit Fremden ging grundsätzlich jede Menge schief. Logisches Denken verabschiedete sich ebenso wie konzentriertes Zuhören oder eine sichere Hand. Umkippende Gläser, das Stammeln halber Sätze und darüber vergessend, was ich wollte, kein einziges Manko wurde im Laufe meines Erwachsenenlebens besser. Es machte mich menschenscheu. Manches Mal wünschte ich, anders geraten zu sein.

„Wir kennen deine Schwächen und wir kennen deine Stärken.“

„Meine einzige Stärke ist die Fähigkeit, komplett in einem Buch zu versinken“, seufzte ich.

„Wie möchtest du sein, Lilia?“, fragten sie ganz beiläufig. Eine rein rhetorische Frage, denn sie wussten präzise, wie sie mich haben wollten.

„Ein gutes Herz…“

„Du hast ein gutes Herz.“

„und ein liebenswertes Wesen sein…“

„Das bist du.“

Prompt keimten Zweifel in mir auf. Und die Frage, wie ich sein wollte, entpuppte sich bei genauerer Betrachtung als ziemlich schwierig. Beispielsweise wusste ich viel, zu viel, über Menschen, die mir begegneten. Ihre Gesichter präsentierten sich mir als offene Bücher ihrer Emotionen, ihres Charakters und so mancher Gedanken. Zwangsläufig empfand ich es als schlimme Belastung, ständig solch Übermaß an ungebetenen Einblicken aufzunehmen. Eine halbe Stunde in der vollen S-Bahn konnte mir ernsthaft den gesamten Tag versauen.

Nach reiflichem Nachdenken gab ich mich kopfschüttelnd geschlagen. „Ich bin nun mal ich!“ Plötzlich schoss durch meinen Kopf die alles entscheidende, hartnäckig abgeblockte Frage: „Was wollen sie von mir?“ Seltsamerweise überfiel mich bleierne Müdigkeit. „Morgen reicht ja wohl auch noch dafür.“

Weit nach Mitternacht wankte ich ins Schlafzimmer.

„Lilia, lass die Vorhänge offen, damit wir wachen können.“

„Wieso wachen?“ Langsam entwickelte ich mich zur Quizkönigin der unbeantworteten Fragen.

 

Ein herrlicher Tag! Dick eingepackt genoss ich die Sonne bei einem ausgiebigen Spaziergang an der Spree. Träge trieben Eisschollen den Fluss hinunter. Nachdenklich ließ ich die Ereignisse der letzten Tage en detail Revue passieren. Mein Gehirn hatte die körperliche Verwandlung, ehrlich betrachtet, weder verdaut noch akzeptiert. Vor dem Badspiegel wütete regelmäßig das Ignorantentum. „Verfluchte Wünsche!“ Verdrossen stürzte ich mich auf das Auge des Wirbelsturms, die unheimlichen „internen“ Gesänge. „Nein, ach nein, der Brocken ist eindeutig zu groß.“ Mit fest umklammerter Gedankenbremse blockte ich den Angriff des riesigen Fragengeschwaders ab. „Plan B, bitte.“ Vielleicht ließen sich nachher im Internet ein paar hilfreiche Informationen über Elben recherchieren. Prompt motzte mein Alter Ego: „Sicher doch, immer hübsch vom Thema ablenken.“ „Gar nicht wahr, in Geschichte bin ich schon immer eine Niete gewesen. Und über Elben sollte ich besser mehr in Erfahrung bringen.“ „Na gut, gewonnen – vorerst.“

Endlich bemerkte ich es. „Wieso ist es dermaßen still in meinem Kopf?“ Anscheinend hörte ich die Geistgäste ausschließlich in meiner Wohnung. Hieß das etwa, wenn ich das magische Buch beseitigte, würde ich in meinem alten Leben aufwachen? Wollte ich das? Kläglich leise Ja-Rufe scheiterten gnadenlos am Nein-Orchester aus der Neugierzone.

 

Zurück daheim, suchte ich Literatur über Elben. Neben zahllosen, erwartbaren Treffern bei Sagen, Märchen und Fantasy existierten kaum Einträge zu wissenschaftlichen Abhandlungen.

Die wenigen Sachbücher wollte ich gerade bestellen, als sie Einspruch erhoben.

„Dort wirst du keine Weisheiten finden.“

„Was erwartet ihr von mir?“ Das hatte ich in diesem Augenblick doch ganz bestimmt nicht wirklich gefragt, oder? Und ob!

Ihr sprachloses Singen klang beinahe schüchtern. Ich wartete. Die Zeit schlich laut meinem Bauchgefühl in Zeitlupe dahin, während mein realer Magen unbekümmert Übelkeit produzierte.

„Lilia, deine Urmutter war eine Elbenfrau“, stimmten sie ihren Gesang an.

„Aber meine Mutter war eine Drachenhexe“, warf ich ohne Nachdenken dazwischen.

„Wohl wahr! Sie tat berechnend Böses, um dich zu verderben.“

„Ja, sie brachte mir nichts als Neid, Kälte und Hass entgegen.“ Alte, tief vergrabene Wunden platzten in mir auf. Krampfhaft klammerte ich mich gedanklich an die dubiose Elbenfrau im Stammbaum. Kein Stück einfacher.

„Möchtest du mehr erfahren?“

„Mach schon, gib dir einen Ruck. Ja!“

„Kennst du die Kirche Santa Christiana in der Krongasse?“

„Äh, nein. Wieso?“ Meine Verwirrung war komplett.

„Bitte begib dich dorthin.“


  

Im April 2017 erschienen


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Lesestückchen aus Elbensilber, Band 2


... Verführt von Schönheit, Reichtum und eigenem Heim, bedeuteten ihr die Geschenke der Sternelben, als die junge Halbelbe sie besaß – nichts! Das Märchen vom glücklich sorglosen Mädchen entpuppte sich als unentrinnbare Falle, in der meuchelnde Dämonen auf sie warteten.
Die schmeichelnd singenden Sternelben unterschlugen nach Gusto sämtliche Informationen, die Lilia zum abrupten Spurwechsel auf den vertrackt schwingenden Schicksalspfaden verleiten könnten. Nachdem sie Lilia, ungefragt selbstverständlich, die Seele der Elbenfürstin Joerdis eingetrichtert hatten, mussten die Sternelben nur noch abwarten. Aber so leicht gab ihr berüchtigter Dickschädel nicht nach! Die undurchschaubare Elbe Elin, irdische Aufpasserin und Lehrerin, gaukelte Freundschaft zwischen den ungleichen Frauen vor. Allzu leicht ließ sich das einsame Herz der Halbelbe davon verlocken. Und dann gab es da obendrein diesen zutiefst unsympathischen, sie trotzdem magisch anziehenden Alexis Lord of Lightninghouse in Schottland. Eine ziemlich heikle Gemengelage, um den bedeutendsten Schatz der Elben, ihr Elbensilber, aus dem Besitz des mächtigen Dämonfürsten zu stehlen. Das Licht stehe ihr bei!


Im August 2017 erschienen


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Lesestückchen aus Elbenfluch, Band 3


... Anstelle einer freundlichen Begrüßung fielen die Sternelben umstandslos über Lilia her. „Suche niemals nach dem einen Namen des Dämonfürsten! Frage ihn niemals danach!“, erteilten sie eine vielstimmige, unmissverständliche Warnung. Ihr dramatisch anschwellender Chor drückte weit mehr aus als nur Gefahr. Aus leidgeprüften Erfahrungen wussten die Lichtgeschöpfe, dass die widerspenstige Halbelbe im Zweifelsfall all das ignorieren würde. Daher garnierten sie ihre Warnung mit einem flüchtigen, dennoch Herzschlag aussetzenden Seelenblick auf das Urböse: Unendlich sich ausdehnende Materie, ruhelos und teerig, irgendwo in den geheimen Tiefen des Weltalls pulsierend.

Unbewusst schnappte die junge Frau nach Luft, was die Sternelben zufrieden registrierten.

Ein kurzer sphärischer Verbindungsleerlauf entstand, der Lilias umtriebiges Hirn geradewegs zu der berechtigten Frage inspirierte: „Das da wird also ungemütlich, wenn ich den Namen des schwarzen Fürsten erfahre. Woher wollt ihr wissen, dass dieses Horrorgebilde – was immer es genau sein mag – nicht erst recht sauer wird, wenn ich den Namensträger vernichte?“

Mit dieser Gretchenfrage konnte die junge Halbelbe ihre Unterweltpläne für London erst einmal in die Tonne befördern.



Im März 2018 erschienen


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Lesestückchen aus Elbenschwur, Band 4


„Eine Amok laufende Elbe? Welch amüsante Vermessenheit. Bringt sie mir!“ Donnernd hallt die brutale Stimme des Dämonfürsten von den kahlen Wänden seiner schottischen Wasserburg wider.

Für den Vernichtungskrieg gegen seine ärgsten Feinde, die irdischen Lichtwesen, kocht der oberste Unterweltler zu schwarzmagischer Hochform auf. Seine perfiden Schachzüge stürzen Lilia van Luzien immer tiefer ins Chaos. Zwar haben sich ihre Freunde inzwischen auf Lightninghouse Castle um die Halbelbe geschart. Doch sind sie zu wenige, um auch nur kleinste Katastrophen zu meistern.

Als wäre das nicht Unheil genug, attackiert der schwarze Fürst genussvoll Lilias Geist. Heimgesucht von Wahnvorstellungen, verliert sie die Rat gebenden Traumbotschaften. Und die vermeintlich ihr treu zur Seite stehenden Elben verraten Lilia durch Freveltaten. In dieser verkeilten Gemengelage kommt der Dämonfürst seinem Ziel teuflisch nahe.

Wird es dennoch zu dem unvermeidlichen Zweikampf zwischen Lilia und dem höllischen Herrscher kommen? Um dorthin zu gelangen, muss die Halbelbe weit über ihre menschlichen Grenzen hinauswachsen. Und sie wird erkennen, dass selbst das Universum manchmal falsch tickt. 




Musik  

 

Johann Sebastian Bach: “Prelude”

Johannes Brahms: “Intermezzo Es-Dur”, "Walzer As-Dur“

Frédéric Chopin: “Nocturne  As-Dur”

Muzio Clementi: "Rondo” (Sonatine Opus 36, Nr. 5)

Edvard Grieg: "Klavierkonzert  A-Moll“ (Opus 16)

Georg Friedrich Händel: "Largo“ (aus: "Xerxes")

Felix Mendelsohn Bartholdy: "Lieder ohne Worte“ (Andante, Opus 67)

Wolfgang Amadeus Mozart: "Andante grazioso“ (Sonate Nr. 11, A-Dur)

Modest Mussorgsky: "Morgendämmerung am Moskwa-Ufer” (aus: "Chowanschtschina")

Johann Pachelbel: “Kanon in D”

Clara Ponty: “Melancholy”

Francis Poulenc: “Élégie”

Sergej Rachmaninow: “Études tableaux” (Opus 33)

Maurice Ravel: “Lever du jour” (aus: "Daphnis et Chloë", Suite Nr. 2)

Nikolai Rimsky-Korsakov: “Scheherazade” (Symphonische Suite, Opus 35)

Franz Schubert: "Adagio E-Dur“

Antonio Vivaldi: “Die vier Jahreszeiten” (Konzert Nr. 4, Opus 8)

Ralph Vaughan Williams: “Fantasia on Greenleeves”  

 


Gedichte

 

Dante Alighieri:                             "Die göttliche Komödie"

Charles Baudelaire:                       "Schwermut“, "Hingabe", "An den Leser" 

Bertolt Brecht:                              "Liebeslied“

Johann Esser / Wolfgang Langhoff: "Die Moorsoldaten"

Johann W. von Goethe:                  "Der Zauberlehrling"

Eugène Guillevic:                          "Das Meer“

Marie Luise Kaschnitz:                  "Juni“

John Milton:                                  "Das verlorene Paradies" 

Edgar Allan Poe:                           "Traumland“

Rainer Maria Rilke:                        "Die Liebende“

Ina Seidel:                                    "Die Zuflucht“

Georg Trakl:                                  "Die junge Magd" 

Daniela Zörner:                              "Vollmond“

   

Geheimnisvolle Akteure

 

Alexis Albin:                der Abwehrende, Elbenfreund

Aneel:                         Einer ohne Farbe

Belian:                        erwählter Jüngling

Byromyr:                     isländische Urhöhle

Cailleach:                    die Verschleierte

Chara:                         Stein der Freude

Corentin (Jay):              Freund

Diarmad:                      Leid

Doraodh:                      Blutstein, Feuersiegel ewiger Knechtschaft

Eilidh:                          Licht

Elin:                            die Leuchtende

Esper:                         Sohn des Sturmes

Fingal:                         schöner Fremder

Georg (Schorsch):        der Wachsame

Gilleabart:                    Versprechen

Gillivray:                       Diener des Urteils

Hormin:                        Lichtschwert

Imya:                           Schicksalsmal der Tränen

Inghean:                       Tochter der Göttin

Jinny:                           weiße Welle

Joerdis van Luzien:        Schwert der Göttin des Lichts

Katja:                           die Reine

Kinnon:                        schön geboren

Konrad (Konny):            kühner Ratgeber

Leya:                           die Treue

Lilia:                            Schönheit und Vollkommenheit

Lyall:                           loyal

Moros:                         Elbenfluch

Muireann:                     meerweiß

Nansaidh:                     Anmut

Naughton:                     rein

Raimund:                      Beschützer nach dem Rat der Götter

Siusaidh:                      liebliche Lilie

Tyr:                              schwarzmagischer Seelenkeil

Uisdean:                       klug